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Working-Paper "Gute Polizeiarbeit"

Gute Polizeiarbeit

Was ist eigentlich „Gute Polizeiarbeit“ – und was kann bzw. muss Führung dazu beitragen?
Von Dirk Heidemann (DHPol)
 
Wenn man fragt, was ist eigentlich gute Polizeiarbeit, kann man vermutlich keine eindeutige Antwort erwarten, insbesondere, wenn man Polizistinnen und Polizisten unterschiedlicher Abteilungen oder Hierarchieebenen fragt. Es gäbe voraussichtlich unterschiedliche Sichtweisen, aber auch Schnittmengen. Hier soll versucht werden, Merkmale guter Polizeiarbeit zu entwickeln, zur Diskussion zu stellen und über Diskussion eine Verständigung zu erreichen.
 
Ein Ausgangspunkt für die Annäherung an die Frage könnten Merkmale sein, die wir aus der Betriebswirtschaft kennen. Dann würden wir von Effektivität und Effizienz sprechen oder wir sprächen von Qualität und müssten dann die Frage diskutieren, woran wir Qualität polizeilichen Handelns messen wollen bzw. können. Wir würden vermutlich Kosten gegen Wirkungen abwägen, z. B. bei der Aufnahme von Verkehrsunfällen (ausreichend Zeit für die geduldige Beratung des älteren Verkehrsteilnehmers, der trotz eines nur geringen Blechschadens völlig verunsichert an der Unfallstelle steht). Schwer zu entscheiden ... aber durchaus ein möglicher Weg.

Ich möchte hier einen anderen Zugang wählen und eine soziologische Sicht als Ausgangspunkt zugrunde legen: Professionalität!
Wenn im Alltag von Professionellen die Rede ist, meinen wir häufig Sportler*innen, die ihren Sport beruflich betreiben und grenzen sie von Amateur*innen ab. Den Einen wird zugeschrieben, dass sie den Sport besonders "gekonnt" betreiben, den Anderen die Liebe zum Sport, gepaart oftmals mit einem gewissen Dilettantismus. Deshalb verdienen die Einen Geld damit und die Anderen eben nicht. Wenn von "Professionellen" in Anführungszeichen die Rede ist, meinen wir manchmal ein völlig anderes Berufsfeld, aber das möchte ich hier nicht vertiefen. Es führt uns auch nicht weiter ...

Professionelle im soziologischen Verständnis sind zunächst die Angehörigen der Professionen (klassisch: Arzt, Jurist), die dadurch von Angehörigen anderer nicht-professioneller Berufe oder gar Jobs unterschieden werden. Sie weisen in der Regel eine Reihe von Kriterien auf, welche diese Unterscheidung ermöglichen: Formale Bildungsabschlüsse, besonderes (zertifiziertes) Wissen, ein hohes Maß an Autonomie sowie eine besondere Klienten*innen- und / oder Gemeinwohlorientierung (deshalb haben Ärzte wohl regelmäßig Konflikte mit der Krankenhausverwaltung oder mit den Krankenkassen).

Eine Reihe von Berufen arbeitet an ihrer Zuordnung zu den Professionen (z. B. Pflege, Soziale Arbeit), mit dem Interesse ihrer Aufwertung der Tätigkeit, sicher auch im Sinne einer besseren Bezahlung. Für die Polizei wurde diese Diskussion u. a. in der Reihe Empirische Polizeiforschung (siehe Gross / Schmidt, Hg. (2011) Polizei: Profession oder Beruf?, Frankfurt)geführt. Die Versuche zeigen, dass zwischen beruflichem und professionellem Handeln qualitativ differenziert wird, dass besondere Merkmale hinzutreten müssen, damit von Profession oder Professionalität gesprochen werden kann.
 
Michael Meuser (2005) hat sich mit professionellem Handeln außerhalb der klassischen Professionen befasst und untersucht, was im Alltag unter professionellem Handeln verstanden wird. Aufgrund dessen bietet er eine Reihe von Merkmalen an, aus der ich mich für meine Vorstellung von Guter Polizeiarbeit bedienen möchte:


•   auf solider umfassender Informationsbasis handeln 

•   Expertenwissen nutzen 

•   systematisch und methodisch handeln („nach den Regeln der Kunst“ vorgehen) 

•   Nutzung moderner Programme, Methoden, Technologien 

•   Ökonomisch rational handeln

Ich orientiere mich an diesen Merkmalen und passe sie ein wenig auf meine Vorstellung von Guter Polizeiarbeit an. Und ich möchte hier nicht den bekannten Management-Talk anbieten, sondern eher eine praktische Sichtweise ... denn darum, einen Einstieg zu finden, um eine Sichtweise auf Gute Polizeiarbeitzu entwickeln.




Was also wäre in dieser Denkweise Gute Polizeiarbeit? 


Gute Polizeiarbeit ist zunächst einmal zielorientiert. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht (immer). 

Bsp.: Wonach entscheidet eine Streifenbesatzung, wie sie an einem beliebigen Spätdienst am Dienstag ihre Streifentätigkeit plant („Wir fahren erst mal etwas essen, ich muss noch was schreiben oder wir wissen, dass im Dezember auf den Weihnachtsmärkten Taschendiebe unterwegs sind und mit Einbruch der Dunkelheit gehen wir da mal Fußstreife.“).

Oder auf Leitungsebene: Wie werden Ressourcen verteilt (Personal, wer geht zu welcher Fortbildung? Material, was wird angeschafft? KT-Gerät oder Verkehrsüberwachungstechnik?). Nach welchen Kriterien wird hier entschieden? Gibt es überhaupt Kriterien? Gibt es Kriterien, die einen Bezug zu den relevanten Problemen der Dienststelle haben? Gibt es ein gemeinsames Verständnis darüber, welche Themen relevant sind? 


Oder unter Einbeziehung des Kontextes, in dem Polizeiarbeit stattfindet: Welche Rolle spielen externe Akteure (Kommune, Schulen, örtliche Verbände, ...). Welche Formen von Teilhabe gibt es? Welche Relevanz kommt den Sichtweisen Externer zu (hier kommt der Aspekt der Klienten- bzw. Gemeinwohlorientierung zum Tragen)?
Bsp.: Niederlande. Dort kennt jeder Polizist, jede Polizistin die Trias "Staatsanwalt - Bürgermeister - Polizei". Dieses "Dreieck" bestimmt das lokale Handeln der Polizei (Die Politik des Innenministers spielt eher eine nachgeordnete Rolle). Polizeiarbeit wird auf lokaler Ebene gemessen! Dadurch gibt es einen stärkeren Bezug zu den Belangen der Bürger*innen. 

 
Gute Polizeiarbeit ist - je nach Aufgabenschwerpunkt - sowohl lokal als auch regional und überregional (international) orientiert. Man entlastet sich nicht zu Ungunsten benachbarter, über- oder untergeordneter Bereiche, z. B. bei der Verdrängung von BTM-Szenen oder ähnlichem. 


 
Gute Polizeiarbeit ist wissensbasiert. Das klingt akademisch. Ist es aber nicht. 
Es geht um den Unterschied zwischen Alltagswissen und gesichertem Wissen.
Bsp.: Fußball. Viele kommentieren die Interventionen des Bundestrainers, sie verfügen über 
Alltagswissen über Fußball (nicht systematisch erhoben, intuitiv, ungesicherte Quellen, beansprucht Gültigkeit aufgrund subjektiver Erfahrung) und häufig haben sie Recht. Nur wenige haben das Fußballspiel wirklich verstanden. Diejenigen, die es verstanden haben, verfügen über gesichertes Wissen(beruht auf systematischer Beobachtung, reproduzierbar, methodisch erhoben, intersubjektiv nachprüfbar, immer wieder in Frage gestellt), z. B. aus der Trainingslehre oder der Spielanalyse.

In diesem Sinne nutzt gute Polizeiarbeit methodisch abgesichertes wissenschaftliches Wissen. Sie stützt sich aber auch auf durch Erfahrung gewonnenes Wissen, jedoch in dem Sinne, dass Erfahrungen reflektiert werden, indem gefragt wird, welche die handlungsleitenden Grundannahmen gebildet wurden, welche Maßnahmen auf Grundlage dieser Annahmen gewählt und welche Erfahrungen damit gewonnen wurden.
 
Gute Polizeiarbeitist reflektiert. Das klingt auch ein bisschen akademisch. Ist es aber nicht.
Es geht um die Fähigkeit(Reflexivität), sich selbst von außen wahrzunehmen, eine kritische Sicht auf sein eigenes Handeln einzunehmen.

Welchen Nutzen kann man daraus gewinnen, wenn man sich so etwas wie systematischen Zweifel organisiert?
Bsp.: Beim Hausärzten kommt es gelegentlich, dass bei dem vierten Patienten, der an einem Tag in der Praxis über Kopfschmerzen klagt, ebenfalls eine Grippe diagnostiziert wird und in nicht die tatsächliche Erkrankung, eine Hirnhautentzündung. Die Fehldiagnose birgt erheblichen Folgen für den Patienten. Ähnliche Fehleinschätzungen können in Einsatzzentralen, in denen Notrufe entgegengenommen werden, ebenfalls schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Die aufgrund des Notrufs eingesetzten Kräfte werden durch die Einschätzung in der Einsatzzentrale auf einen Pfad gesetzt, der bis in die anschließenden Ermittlungen wirken kann, in einer Form, in der allen Beteiligten von vornherein klar ist, wo die Täter zu suchen sind.

Ein prominentes Beispiel: Die OK- These beim NSU-Komplex, die neben anderen Ursachen dazu führte, dass über Jahre rechtsterroristische Netzwerke nicht gesehen werden(konnten).

Reflexivität bedeutet, eigenes Handeln, eigene Grundannahmen von Zeit zu Zeit kritisch zu hinterfragen und nicht immer schon von vornherein zu wissen, wie es ist. Reflexivität bedeutet für die Polizei auch zu akzeptieren, dass sie für sich nicht die alleinige objektive Deutung von die Einsatzlagen, Ermittlungsverfahren oder ganz allgemein der Sicherheitslage für sich beanspruchen kann (es erstaunt immer wieder, dass polizeiliche Führungskräfte von einer "objektiven" Kriminalitätslage sprechen).

Es geht aber auch darum, die eigene Rolle und die Rolle der Polizei zu reflektieren, im Hinblick auf Erwartungen, die an die Polizei gerichtet werden, z. B. anlässlich von Einsätzen wie G 20 (Sicherheitsversprechen der Politik) oder Stuttgart 21 (politische Erwartungen an die sofortige Räumung?) und sie in Beziehung zu setzen mit Erwartungen, die seitens der Bevölkerung oder des Rechts oder anderer Interessengruppen an die Polizei gerichtet werden.

Und schließlich geht es darum, sich als wichtigen, aber nicht einzigen Akteur auf dem Gebiet der Inneren Sicherheit zu verstehen, sich in Beziehung und Relation zu anderen Akteuren zu setzen. In Richtung der Justiz fällt der Polizei das eher leicht, in Richtung der vorsorgenden Bereiche (Soziales) eher schwer.



Gute Polizeiarbeitist Qualitätsarbeit. Das klingt nach Made in Germany. Soll es auch.
Es geht um das Arbeiten nach den „Regeln der Kunst“, wollte man es aus ärztlicher Perspektive formulieren. Oder darum, sein Handwerk zu beherrschen. Und sein Werkzeug zu pflegen. Gute Polizeiarbeit ist auch handwerklich gut gemacht.
 
Im Folgenden möchte ich abschließend kurz auf die Relevanz von Führung für Gute Polizeiarbeit eingehen.
Gute Führung möchte ich in ähnlicher Weise aus den Merkmalen von Professionalität ableiten.
Es geht darum, das Führungspersonen über Führungswissen verfügen sollten, damit sie in ihrem Führungsgeschehen Phänomene erkennen und einordnen können. Auch hier geht es um gesichertes wissenschaftliches Wissen und weniger um Alltagswissen. Ein Beispiel aus Flora und Fauna: Mit dem Wissen um die Flora des Fichtelgebirges verläuft ein Waldspaziergang wahrscheinlich anders als ohne dieses Wissen oder bei Kenntnis gruppendynamischer Prozesse würde ein Konflikt innerhalb einer Dienst- oder Ermittlungsgruppe möglicherweise anders beurteilt als ohne diese Kenntnisse.

Es geht auch darum Führungsinstrumente zu kennen und handhaben zu können (von der dienstlichen Beurteilung zur Besprechung). Gekonnte Handhabung setzt gleichfalls ein gewisses Maß an Verstehen des jeweiligen Instruments voraus. Bsp. Kennzahlen: Wie und nach welchen Kriterien wird Personal verteilt? Welche Aussagekraft haben Kennzahlen wirklich und wie finde ich heraus, welche Kennzahlen überhaupt steuerungsrelevant sind und was ich damit messen kann (in den Polizeien scheint gerade dieses Wissen noch nicht umfassend verbreitet zu sein - siehe PKS und was man damit belegen oder gar steuern kann)? Und nicht zuletzt: Welches Steuerungsinteresse ist hinter ausgewählten Kennzahlen zu vermuten und wie wird dies über deren Selektion durchgesetzt?
Bsp. Kommunikation: Wie nutze ich Besprechungen für die Informationssteuerung, Problemlösung und Entscheidung und wie finde ich heraus, wie Entscheidungen sich über Hierarchie- und Abteilungsgrenzen in der Organisation verändern? Welche Relevanz haben informelle Kommunikationsplattformen, wie wirken sie auf die Steuerung der Dienststelle und an welcher Stelle können sie gewünschte Entwicklungen unterstützen.
 
Wenn Führungspersonen eine Idee von Guter Polizeiarbeit haben, kann professionelle Führung einen Beitrag leisten, eine Organisation in Richtung "Guter Polizeiarbeit" zu entwickeln.

Literatur:

Meuser, Michael (2005): Professionell handeln ohne Profession, in: Pfadenhauer, Michaela (Hrsg.), Professionelles Handeln, Wiesbaden, S. 253 – 264.

Vollmer, Lina (2017): Professionssoziologische Theorie, in: Vollmer, Lina, Gleichstellung als Profession?, Wiesbaden