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4. Januar 2019

Der folgende Artikel bezieht Stellung zu derzeit geführten Diskussion im UAFEK zur Weiterentwicklung polizeilicher Führungssysteme.

Zur Diskussion des UAFEK zur „Polizeilichen Führungslehre“

Von Dr. Christian Barthel

Beim Treffen des Netzwerks Führungslehre (NFL) am 09.-10.11.2017 hatte sich das NFL mit dem Auftrag des „Unterausschuss Führung, Einsatz, Kriminalitätsbekämpfung“ (UAFEK) an das Bundesland Rheinland-Pfalz beschäftigt - nämlich die an der DHPol stattfindende Diskussion zur Weiterentwicklung des polizeilicher Führungssysteme federführend zu begleiten und regelmäßig zu berichten; siehe hier die Konzepte von Barthel/Heidemann (2017) und Thielmann/Weibler (2014).


Alban Ragg, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe des Landes Rheinland-Pfalz berichtete über die wesentlichen Arbeitsschritte und den aktuellen Stand der Diskussion. Insgesamt wurde deutlich, dass eine Wiederauflage des KFS – ob nun mehr psychologisch ausgerichtete wie bei Thielmann/Weibler oder soziologisch informiert wie bei Barthel/Heidemann – nicht sinnvoll erscheint. Die Arbeitsgruppe in Rheinland-Pfalz sprach keine Priorisierung für das eine oder andere Konzept aus, befand vielmehr beide als gleichberechtigte Perspektiven auf das Thema.


Bei der nachfolgenden Diskussion wurde deutlich, dass das Ansinnen des UAFEK – die Modernisierung des Kooperativen Führungssystems bei gleichzeitigem Beibehalten eines für die gesamte Polizei verbindlichen Konzeptes – nicht mehr zeitgemäß ist. So wurde deutlich, dass das KFS in den 1970er bis 1990er Jahren eine Integrationsformel für drei, heute nicht mehr in dieser Weise verknüpfbare Themen, war. Das klassische KFS galt als

  • der finale Wissensbestand zum Thema „Führung“ in der Polizei
  • die normative Formel für den erwünschten Führungsstil (eine „Verhaltensvorschrift“, wie Altmann und Berndt es formulierten) sowie
  • ein Curriculum, das mit den „Sechs Elementen“ auf einfache Weise an den Fachhochschulen und der Polizei-Führungsakademie (bis 2006) gelehrt werden konnte.

Diese Trias aus Wissen, Normsetzung und Curriculum ist angesichts der Entwicklungen im wissenschaftlichen Diskurs, der veränderten Organisationskultur in der Polizei sowie den Bedingungen des Bologna-Prozesses und seiner Auswirkungen auf die Lehre an den Fachhochschulen und der DHPol nicht mehr in der schlichten Integrationssemantik des KFS zu haben.

Das „Paket“, also die drei miteinander verschlungenen Funktionen des KFS, muss entpackt werden: „One fits all“ entspricht nicht mehr den tatsächlichen Erfordernissen der drei nun ausdifferenzierten Bereiche:


a.    Wissenschaft

Man kann heute – auch in der Polizei – nicht mehr von einer „Führungslehre“ sprechen, einem kanonischen Führungswissen, dass vorgibt a) ultimativ „wissenschaftlich“ zu sein und b) die Führungspraxis in der einzig denkbaren, nämlich „richtigen“ Weise orientieren zu können. Die Zeit der „Lehren“ ist vorbei; sie finden sich allenfalls noch in der populärwissenschaftlichen Ratgeberliteratur, die allerdings für die komplexen Anforderungen der polizeilichen Führung im gehobenen wie im Höheren Dienst nicht  brauchbar sind. Wissenschaftliche Aussagen hingegen sind heute wesentlich vorsichtiger; sie wollen die Praxis nicht mehr besserwisserisch anleiten, sondern raten eher zur Beobachtung, Reflexivität und einem Alternativen-abwägendem-Führungshandeln; sie warnen vor instrumentellen Methoden, Verfahren und Tools (egal ob sie aus dem Bereich der Psychologie oder der Betriebswirtschaftslehre stammen), weil diese nur zu leicht die notwendige Reflexivität der Führungskräfte unter den Bedingungen komplexer Organisationen und Situationen unterschlagen. Das bedeutet: Der wissenschaftliche Diskurs muss vorangetrieben werden und darf nicht in einer finalen Formel - wie ehemals im KFS - stillgestellt werden. Das ist keine „Flucht in die Theorie“ oder ein faules Drücken vor der Führungs-„Praxis“, sondern eine redliche Antwort auf die wirkliche Komplexität des Führens. Formeln, Rezepte und schlichte Tools sind unbrauchbar; aber belastbares Wissen über Organisationen und Kommunikation, vor allem aber professionelle Reflexivität in der Praxis, mithin „Klugheit“ - das ist erfolgsentscheidend geworden.
 
b.    Normative Setzung

Das KFS verstand sich als „Verhaltensvorschrift“ für Führungskräfte. Es konnte autoritäres Führungshandeln zwar nicht unter Strafe bzw. das Disziplinarrecht stellen, versuchte aber doch zu verdeutlichen, dass ein solches Agieren „verboten“, zumindest verurteilenswert und führungsethisch abzulehnen war. Die volle normative Wucht aber entfaltete das KFS, weil es von sich behauptete, dass es nicht nur führungsethisch korrekt war, sondern zugleich die Niederschrift der ultimativen wissenschaftlichen Erkenntnis über Führung ganz generell: Das KFS behauptete von sich, dass es wissenschaftlich und moralisch nicht zu überbieten war und dass ihm deshalb Folge geleistet werden musste. Wie o.g. lässt sich das nicht mehr durchhalten – Wissenschaft und Moral/Norm gehen heute ihre eigenen Wege. Praktisch bedeutet das: Die Polizeien der Länder und des Bundes sowie der UAFEK können nicht mehr bequem auf das KFS als wissenschaftliche und normative Finalität verweisen und sich damit selbst von der Last normativer Orientierung für ihre Mitarbeiter und Führungskräfte befreien. Statt gewohnheitsmäßig auf das „gute, alte KFS“ zu verweisen und dann zur Tagesordnung über zu gehen – d.h. zu den Themen „Einsatz“ und „Kriminalitätsbekämpfung“ – sind sie nun letztlich als Arbeitsgeber und Organisationsherren gefragt, selbst die von ihnen gewünschte Führungsphilosophie vorzugeben und für deren Umsetzung zu sorgen. Wie Wirtschaftsunternehmen auch, stehen die Leitungen der unterschiedlichen Polizeien vor der Aufgabe, Leitlinien, Leitbilder u.ä. zu entwickeln und so für die Orientierung ihrer Polizei- und Polizistenkultur zu sorgen. Das muss nicht in ewigen Diskussionsrunden top-down und bottom-up durchgewalkt werden, erfordert aber doch eine gewisse Aufmerksamkeit an der Spitze jeder Landes- und Bundespolizei für dieses Thema. Gewiss: Das macht Arbeit - aber der wohlfeile Verweis auf ein altes KFS, das weder wissenschaftlich/konzeptionell noch normativ auf der Höhe der Zeit ist, kann kaum als zufriedenstellend verstanden werden. Und Bedarf an führungspraktischer Orientierung seitens der obersten Ebene der jeweiligen Polizei ist vorhanden! Dies betrifft Führungsfragen in der Bandbreite vom kommunikativen Umgang der Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern, über Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, der organisationskulturellen Diversivität, des demographischen Wandels und des Gesundheitsmanagements, bis hin zu der Frage, welche Relevanz das Thema Führung für das Polizieren in einer pluralisierten, multiethnischen Gesellschaft hat.
 
c.    Lehre und das Curriculum für Führung

In den 1970er bis 2000er Jahren war der Führungsunterricht für die Lehrenden leicht und für die Studierenden öde: Die „Sechs Elemente“ wurden als sog. „Legaldefinitionen der Führung“ gepaukt – mit dem nicht seltenen Effekt, dass die Führungskräfte in spe nurmehr mit Gähnen oder Zynismus auf diesen praxisuntauglichen Kanon reagierten. Der so genannte Bolognaprozess hat zu einer Akademisierung der Lehre an den polizeilichen Ausbildungsinstitutionen geführt. Das bedeutet für die Gestaltung des Unterrichts im Themenbereich Führung, dass die Dozenten sich nun 1) am wissenschaftlichen Diskurs in der Führung orientieren müssen, 2) an den normativen Vorgaben (wo vorhanden) ihres Bundeslandes und 3) an den Aufgaben und Funktionen ihrer jeweiligen Zielgruppen und insbesondere den damit verbundenen didaktischen Herausforderungen. Der schlichte und „faule“ Rückgriff auf die Sechs Elemente ist heute nicht mehr plausibel zu machen – die Dozenten im Themenfeld Führung müssen deutlich komplexere Inhalte und anspruchsvollere Didaktiken anbieten. In aller Regel tun das die Dozenten auch schon lange – aber gewissermaßen ungedeckt durch den mittlerweile wertlosen Scheck des KFS. Heute ist für den guten Führungsunterricht weniger eine inhaltliche Verbindlichkeit á la KFS gefragt, als vielmehr die Professionalisierung der Lehre im Sinne einer kompetenzorientierten, zielgruppengerechten Didaktik.


 
Zusammenfassend kann gesagt werden: Das KFS und der damit verbundene „Komfort“ einer immer schon abrufbaren Formel bezüglich des gültigen Führungswissens, normativer Verbindlichkeit und der polizeilichen Lehrtätigkeit kommt nie wieder. Und das ist gut so! Der Entwicklungslogik der drei Bereiche Wissenschaft, normative Verantwortlichkeit und Lehre muss nun wirklich Rechnung getragen werden! Dies könnten nun auch die Baustellen sein, mit denen sich der neu zu gegründende „Arbeitskreis Führung“ unterhalb des UAFEKs beschäftigt.
 
Ob der UAFEK sich in Zukunft eher mit führungspraktischen Fragen aus dem Organisationsalltag der Polizei befassen soll und/oder zugleich konzeptionelle Grundfragen des Führens auf entsprechender Abstraktionshöhe reflektieren soll – das wird die aktuell beratende Kommission reflektieren.