09.02.2026
Ein Interview mit Dr. Joshua Olma
Polizeibeamt:innen müssen Bedrohungen schnell erkennen und entsprechend reagieren können. Die Entscheidung, ob eine Schusswaffe zum Einsatz kommt oder nicht, wird oftmals in kürzester Zeit getroffen. Organisationspsychologe Dr. Joshua Olma hat sich in seiner Doktorarbeit an der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) diesem Thema gewidmet und ein neues Trainingsformat entwickelt.
Was haben Sie in Ihrer Doktorarbeit untersucht?
Joshua Olma: Meine Ausgangsfrage war, wie Polizeibeamt:innen ihre Aufmerksamkeitsressourcen optimieren können, um Bedrohungen schneller und genauer zu erkennen und darauf zu reagieren. Die theoretische Grundlage stützte sich auf Konzepte der visuellen Wahrnehmung, der Signalentdeckung und der kognitiven Beanspruchung.
Wie sind Sie konkret vorgegangen?
Joshua Olma: Ich habe drei Studien durchgeführt: Zuerst habe ich den Zusammenhang zwischen Pupillengröße und Reaktionszeit bei der Erkennung von Bedrohungen untersucht. Dabei wurden computergestützte Szenarien mit realistischen Bildern – etwa mit Handfeuerwaffen – genutzt.
In den beiden anderen Studien habe ich experimentell ein neues Trainingsformat für Polizeibeamt:innen untersucht. Es soll die visuelle Aufmerksamkeit und taktische Blicksteuerung in realistischen Szenarien verbessern: Also in Situationen, in denen die Einsatzkräfte entscheiden müssen, ob sie von ihrer Schusswaffe Gebrauch machen. Hierbei schauen sich die Teilnehmenden zunächst ein speziell produziertes Lehrvideo an, in dem zentrale Inhalte wie Situationsbewusstsein, taktische Blicksteuerung und visuelle Aufmerksamkeit theoretisch erklärt werden. Anschließend folgen praktische Übungen, bei denen das Gelernte in realitätsnahen Schießübungsszenarien trainiert wird.
Was sind die Ergebnisse Ihrer Forschung?
Joshua Olma: An der Pupillengröße lässt sich der Grad der kognitiven Beanspruchung ablesen: Weiter geöffnete Pupillen sprechen für höhere Aufmerksamkeitszuwendung – die Einsatzkräfte reagieren schneller, wenn sie Bedrohungen erkennen.
Mit einem hybriden Trainingsformat, welches digitale Theorievermittlung und praxisorientiertes Training aufeinander aufbauend kombiniert, können Polizeibeamt:innen ihre Reaktionszeit signifikant reduzieren. Sie schaffen es, ihre kognitive Beanspruchung effektiver zu bewältigen und die stressbedingte Erregung besser auszugleichen.
An den Studien nahmen sowohl erfahrene Polizeibeamt:innen als auch Polizeianwärter:innen teil. Beide Gruppen profitierten ähnlich von dem untersuchten Trainingsformat.
Wie können Ihre Forschungsergebnisse in der polizeilichen Praxis angewandt werden?
Joshua Olma: Die drei Studien belegen das Potenzial eines gezielten hybriden Trainings: Es kann helfen, die Aufmerksamkeitsprozesse von Polizeibeamt:innen zu optimieren. Dadurch können sie in stressigen Situationen schneller und präziser entscheiden, ob geschossen werden muss oder nicht. Auch wenn sich Trainingserfolge nicht eins zu eins auf reale Einsatzsituationen übertragen lassen, bietet das untersuchte Trainingsformat eine qualitätsgesicherte, ökonomische und effektive Möglichkeit, komplexe Entscheidungssituationen zu üben. Das Training könnte zudem erweitert und modifiziert werden – etwa für den Einsatz von Farbmarkierungswaffen und/oder für die Implementierung von Virtual Reality –, um Polizeibeamt:innen bestmöglich vorzubereiten.
Die Dissertation trägt den Titel "New Approaches in Police Firearms Training: The Role of Visual Attention and Tactical Gaze Control". Sie wurde von Prof. Dr. Christine Sutter, Leiterin des Fachgebiets "Verkehrswissenschaft und Verkehrspsychologie" an der DHPol, betreut. Die Publikation ist in der DHPol-Hochschulbibliothek (Öffnet in einem neuen Tab)erhältlich.