Akademischer Werdegang
Bis 2011 Studium der Neueren und Neusten Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Abschluss Magister Artium (M.A. phil), Thema der Abschlussarbeit: Spanienkämpfer und Antifaschismus in der SBZ/DDR (1945-1961)
Von 2013 – 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universitätsmedizin Charité Berlin – Institut für Geschichte und Ethik der Medizin. Mitarbeit im ERC-Projekt (European Research Council), Wege des ärztlichen Wissens – How physicians know, 1500-2000. In diesem international und interdisziplinär ausgerichteten Projekt wurden die Funktion und Bedeutung verschiedener Formen des Schreibens, Dokumentierens, Protokollierens und Verwaltens für die Herausbildung medizinischen Wissens untersucht.
Zwischen 2017 – 2020 wissenschaftlicher Assistent und Lehrstuhlmitarbeiter am Institut für biomedizinische Ethik und Medizingeschichte (IBME) an der Universität Zürich.
Januar 2021 Promotion zum Dr. phil. an der Humboldt-Universität zu Berlin (summa cum laude).
Von Januar bis September 2021 wissenschaftliche Mitarbeit im Aufarbeitungsprojekt Arzneimittelprüfungen an Kindern und Jugendlichen in den 1950er – 1970er Jahren. Das Forschungsprojekt befasste sich mit den Arzneimittelprüfungen der von der Fa. Merck KGaA vertriebenen Präparate Decentan® und Encephabol® in Kinderheimen sowie in Behinderten- und psychiatrischen Einrichtungen für Kinder- und Jugendliche in den 1950er bis 1970er Jahren.
Von 2021 bis 2024 wissenschaftlicher Mitarbeiter am medizinhistorischen Institut der Charité. Im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe „Normal#Verrückt. Zeitgeschichte einer erodierenden Differenz“ (Öffnet in einem neuen Tab), Bearbeitung des Teilprojekts: „Berlin auf Droge“ (Öffnet in einem neuen Tab). Heroinkonsum in der Mauerstadt zwischen Psychiatriereform und AIDS-Phobie in den 1970er- und 1980er-Jahren. In diesem Forschungsprojekt wurden jene Phänomene identifiziert und analysiert, die die gesellschaftliche Sicht auf das Heroinproblem in den 1970er und 1980er Jahren maßgeblich bestimmten. Insbesondere wurden die handlungspraktischen Konsequenzen medizinischer, kriminologischer, juristischer sowie drogenpolitischer Definitionsprozesse und dabei entstehender Spannungsfelder in den Blick genommen.
Von 2025 bis März 2026 Gastwissenschaftler am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin – Universitätsmedizin Berlin Charité sowie freiberufliche Tätigkeit.
Seit März 2026 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich I.6 Polizeigeschichte und Politische Bildung an der Deutschen Hochschule der Polizei - Universität der Polizeien des Bundes und der Länder in Münster.
Forschungsschwerpunkte
- Zeitgeschichte der Psychiatrie
- Emotionsgeschichte/Geschichte der Angst
- Wirkstoff- und Arzneimittelgeschichte
- Geschichte des Drogenkonsums (insbesondere Heroin)
- Patient:innengeschichte des 20. Jahrhunderts
- Epistemologie medizinischen Handelns und außerklinischen Therapiemanagements
- Wissensgeschichte chronischer Krankheiten
Forschungsprojekt (Beantragungsphase)
Neues Wissen oder alte (Handlungs-)Logik? Zum polizeilichen Umgang mit psychischer Alterität nach der Psychiatriereform, 1975-2000.
Das Projekt strebt eine zeithistorische Untersuchung zum Umgang der Polizei mit psychiatrisch auffälligen Menschen an, etwa im Kontext von Psychosen, Suchterkrankungen oder anderen Formen psychischer Krisen. Dabei stehen insbesondere Fragen zur polizeilichen Praxis, dem daraus resultierenden Erfahrungswissen und Routinen im Spannungsfeld von Gefahrenabwehr, Ordnungspolitik und medizinisch-psychiatrischer Zuständigkeiten im Fokus des Projekts.
Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Psychiatriereform von 1975, die nicht nur einen institutionellen Umbau der psychiatrischen Versorgung und Zuständigkeiten in Gang setzte, die zugleich Ausdruck grundlegender gesellschaftlicher, sozialer und politischer Verschiebung war, sondern die durch eine „Normalisierung der Verrücktheit“ zugleich auch ordnungs- und sicherheitspolitische Rationalitäten berührte und die „Sicherheitskulturen“ der Bundesrepublik maßgeblich mitbestimmte.
Es wird angenommen, dass die Reform nicht nur eine institutionelle Neuordnung darstellte, sondern einen Anpassungsprozess polizeilicher Wissensformen auslöste: Während vorreformatorische Ordnungskategorien psychische Auffälligkeit primär im Horizont unmittelbarer Gefahrenabwehr adressierten, entstand im Zuge der Reform ein hybrides Interventionswissen, das Fürsorge, Risikoabschätzung und Präventionslogiken mit sicherheitspolitischen Routinen verschränkte.
Mit Blick auf die Polizei als „default responder“, also als Exekutiv-Organ, dem im Krisenfall die institutionelle Erstzuständigkeit obliegt, eröffnen sich in diesem Zusammenhang Perspektiven, die nicht nur zur Historiographie einer zeithistorisch orientierten Psychiatriegeschichte beiträgt, sondern vor allem einen historischen Zugriff auf ein dringliches aktuelles Problem gegenwärtiger polizeilicher Praxis erlaubt.
Veröffentlichungen
Bücher
- Diabetes. Eine Wissensgeschichte der modernen Medizin. Göttingen 2023 (Open Access: https://www.wallstein-verlag.de/openaccess/9783835353473-oa.pdf (Öffnet in einem neuen Tab))
Nominierung zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2024 (Longlist; Rubrik Medizin/Biologie) https://www.wissenschaftsbuch.at/jahr/2024/ (Öffnet in einem neuen Tab) - mit Hüntelmann Axel C. (Hrsg.): Accounting for health. Calculation, paperwork and medicine, 1500-2000. Manchester University Press 2021.
Aufsätze
- „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ – Ein Medienereignis als Quellenensemble: Zwischen jugendlichem Drogenelend, popkulturellem Mythos und offenen Fragen. In: Zeithistorische Forschungen 1 (2026) (Themenheft: Psychiatrische Zeitgeschichte).
- Der Präventionsautomat. In: Katalog zur Ausstellung „Normal#Verrückt. Zeitgeschichte einer erodierenden Differenz.“ Hg. v. Röske, Thomas; Rotzoll, Maike, Sammlung Prinzhorn Heidelberg, 18.05.-28.09.2025, Heidelberg 2025, S. 34-43.
- Gefährdet oder gefährlich? Zur Wahrnehmung und zum Umgang mit Heroinnutzer*innen zwischen „Drogenwelle“ und AIDS-Krise am Beispiel West-Berlins, 1970-1990. In: Medizinhistorisches Journal 59, Heft 1-2 (2024), S. 84-118.
- „Typewriting Medicine“. Bürotechnologische Innovation und klinische Dokumentations- und Verwaltungspraxis am Beispiel der Berliner Charité, 1890-1950. In: Administory 6 (2021), S. 111-130. Open Access: https://sciendo.com/de/article/10.2478/adhi-2022-0004 (Öffnet in einem neuen Tab)
- mit Hüntelmann, Axel C.: Accounting for Health. Introduction. In: Dies. (Hrsg.): Accounting for Health. Calculation, paperwork and medicine, 1500-2000. Manchester University Press 2021, S. 1-31.
- Accounted Bodies and Counted Cases. Elliott Joslins Diabetes Research, 1898-1950. In: Falk, Oliver; Hüntelmann, Axel C. (Hrsg.): Accounting for Health. Calculation, paperwork and medicine, 1500-2000. Manchester University Press 2021, S. 82-106.
- Gerhard Katsch oder wie chronisch Kranke lernten, an ihre Leistungsfähigkeit zu glauben. In: Geisthövel, Alexa; Hitzer, Bettina (Hrsg.): Auf der Suche nach einer anderen Medizin. Psychosomatik im 20. Jahrhundert. (Suhrkamp) Berlin 2019, S. 166-178.
- Der Patient als epistemische Größe. Praktisches Wissen und Selbsttechniken in der Diabetestherapie 1922-1960. In: Medizinhistorisches Journal 53, 1 (2018), S. 36-58.