Die Polizei im NS-Staat
Das NS-Regime konnte sich von seinen Anfängen bis zu seinem Untergang auf die Polizei stützen. Nicht nur die Gestapo, sondern alle Sparten der deutschen Polizei waren am Terror gegen die politischen und weltanschaulichen Gegner des NS-Staats beteiligt, zunächst im Innern des Deutschen Reiches und seit Kriegsbeginn 1939 schließlich in allen von der Wehrmacht eroberten Gebieten. Von Norwegen bis Griechenland, von Frankreich bis in die besetzten Gebiete der Sowjetunion sicherte die deutsche Polizei die nationalsozialistische Herrschaft. Besonders in Osteuropa beging die deutsche Polizei massenhaft Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Die Polizei war maßgeblich am Mord an den europäischen Juden beteiligt, aber auch an der Verfolgung von Widerstandsgruppen gegen das nationalsozialistische Besatzungsregime und der Verschleppung von Zivilisten zur Zwangsarbeit für die deutsche Kriegswirtschaft. Die Verbrechen verübten Polizisten, die mehrheitlich in der Weimarer Republik, einem demokratischen Rechtsstaat, sozialisiert und ausgebildet wurden. Auf die Frage, warum und unter welchen Bedingungen Menschen zu Massenmördern werden, gibt es verschiedene Antworten. Die neuen sozialpsychologischen Erklärungsmodelle betonen die allgemeinen gesellschaftlichen Werte und die jeweiligen situativen Aspekte des Mordens. Die Konstellationen, in denen Menschen zu Massenmördern werden, sind - das zeigen vielfältige Beispiele aus der jüngsten Zeitgeschichte - durchaus wiederholbar.
Ziele und Inhalte
Wer waren die Männer (und wenigen Frauen) in der deutschen Polizei, die politische und weltanschauliche Gegner des Nationalsozialismus verfolgten und schließlich ermordeten? Welche mentalen Voraussetzungen und strukturellen Bedingungen prägten das Verhalten der Polizeiangehörigen, dass sie das NS-Regime hinnahmen, sich daran beteiligten und schließlich vielfach sogar zu Mördern wurden? Wer verweigerte sich den verbrecherischen Befehlen? Welche Motive waren dafür ausschlaggebend?
Auf diese grundlegenden Fragen versucht das Projekt "Die Polizei im NS-Staat" Antworten zu geben, indem es die Ergebnisse der Forschung bündelt und in einer temporären Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) für die Öffentlichkeit aufbereitet.
In der Öffentlichkeit werden die Verbrechen der Polizei im NS-Staat noch immer allein der Gestapo zugeschrieben. Dabei konnten wissenschaftliche Forschungen der letzten 15 Jahre eindrucksvoll bestätigten, dass auch die reguläre Kriminal- und Ordnungspolizei maßgeblich in die NS-Verbrechen involviert waren. Am Beispiel der Ordnungspolizei, dem "Fußvolk der ‘Endlösung’", lässt sich nachweisen, in welchem Umfang „ganz normale Männer“ (Christopher Browning) an der Ermordung der europäischen Juden beteiligt waren. In der Mehrheit waren die Polizisten weder überzeugte Weltanschauungskrieger, noch bloße Befehlsempfänger. Sie besaßen durchaus Handlungsoptionen. Dennoch entzogen sich nur wenig von ihnen den verbrecherischen Befehlen.
Die Ausstellungen und die darauf aufbauenden Bildungsmaterialien wollen diese Erkenntnisse erstmals sowohl einer breiten Öffentlichkeit, als auch der Polizei vermitteln. Dabei sollen die organisatorischen Strukturen des komplexen und unübersichtlichen Polizeiapparats im NS-Staat verdeutlicht, aber auch das Verhalten und die Handlungsoptionen einzelner Polizisten thematisiert werden. Damit werden zugleich grundsätzliche Fragen nach dem Verhalten von Menschen in einer Diktatur angesprochen. Das Lernen am historischen Beispiel soll Polizeibeamte für die problematischen Aspekte ihres Berufs in der Gegenwart aufmerksam machen. Die Polizeibeamten sollen daran erinnert werden, wie leicht legitime Machtausübung in Machtmissbrauch umschlagen kann.
Träger und Finanzierung
Dem Projekt liegt der Beschluss der Innenministerkonferenz vom 17. April 2008 zu Grunde. Insgesamt werden für das Projekt, das auf drei Jahren angelegt ist, 1,3 Millionen Euro bereitgestellt. Davon trägt der Bund über den Kooperationspartner Deutsches Historisches Museum 350.000 Euro, die restlichen 950.000 Euro werden anteilig von den Ländern übernommen.
Der Träger des Projekts ist die Deutsche Hochschule der Polizei in Münster. Ihr Kooperationspartner ist das Deutsche Historische Museum in Berlin. Das Projektteam arbeitet außerdem eng mit Hochschulen, Gedenkstätten und Museen zusammen wie z.B. der Gedenkstätte Villa ten Hompel in Münster, der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg in Oranienburg, der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora. Bei der Entwicklung der multimedialen Unterrichtsmaterialien und methodisch-didaktischen Handreichungen für die Aus- und Fortbildung der Polizei und die außerschulische Erwachsenenbildung wird das Projektteam von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) unterstützt.
Projektteam und Gremien
Das Projekt wird von einem vierköpfigen Historikerteam unter Leitung von Dr. Wolfgang Schulte (Deutsche Hochschule der Polizei) mit Unterstützung von Dr. Detlef Graf von Schwerin (ehemaliger Leiter des Zentrums für Zeitgeschichte der Polizei an der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg in Oranienburg) erarbeitet. Das Historikerteam besteht aus Andreas Mix, PD Dr. Mariana Hausleitner, Martin Hölzl und Florian Dierl. Die Arbeit des Projektteams wird von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet. Der Beirat besteht aus renommierten Zeithistorikern und Sozialwissenschaftlern mit Forschungsschwerpunkten zur NS- und Polizeigeschichte. Gegenüber der nationalen und internationalen Öffentlichkeit vertritt ein Kuratorium das Projekt. Das Kuratorium besteht aus bekannten in- und ausländischen Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik. Eine Schirmherrschaft, die der Bedeutung des Projekts angemessen ist, wird angestrebt.
Projektkomponenten
Mit dem Projekt arbeitet die deutsche Polizei ihre eigene Geschichte auf. Trotz einer ganzen Reihe von bemerkenswerten lokalen und regionalen Ansätzen zur kritischen Selbsthistorisierung ist die Rolle der Polizei im NS-Staat in den Polizeien der Bundesländer nicht hinreichend und in der allgemeinen Öffentlichkeit so gut wie gar nicht bekannt. Dies zu ändern, ist das Ziel des Projekts. Es besteht aus mehreren Komponenten, die sich an verschiedene Adressatenkreise richten: Die allgemeine Öffentlichkeit, die polizeiinterne Öffentlichkeit und das Fachpublikum. Auf die Fachöffentlichkeit zielt das vom Projektteam organisierte Symposium, das im Mai 2009 in Münster stattfindet. Es soll das Vorhaben in der scientific community bekanntmachen, den wissenschaftlichen Austausch fördern und dem Projektteam die Rezeption der jüngsten Forschungen zum Thema ermöglichen. Die Ergebnisse des Symposiums werden in einem Sammelband publiziert. Ein zentraler Teil des Projekts ist die temporäre Ausstellung im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums in Berlin im Frühjahr 2011. Sie umfasst die Geschichte der Polizei im NS-Staat in all ihren Facetten mitsamt der Vor- und Nachgeschichte. Die Ausstellung richtet sich an die allgemeine Öffentlichkeit, die über die weitgehend unbekannte Geschichte der Polizei und ihrer Stellung im NS-Staat informiert werden soll. Die Ausstellung wird in einem Katalog dokumentiert. Verbreitet werden die Ergebnisse des Projekts außerdem durch eine Fernsehdokumentation des rbb, die zeitnah zur Ausstellungseröffnung im Frühjahr 2011 im Abendprogramm der ARD ausgestrahlt wird. Darüber hinaus gibt es Projektkomponenten, die sich an die polizeiinterne Öffentlichkeit richten. Dazu zählt ein Ausstellungsmodul, das in den Bildungseinrichtungen und Behörden der Länderpolizeien und der Bundespolizei als Dauerausstellungen gezeigt und jeweils um regionale Komponenten ergänzt werden kann. Das Ausstellungsmodul bildet damit den Kern für mehrere regional orientierte Dauerausstellungen, die für die Aus- und Fortbildung der Polizeibeamten genutzt werden können. Das Projektteam erarbeitet außerdem in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) multimediale Unterrichtsmaterialien und methodisch didaktische Handreichungen zum Thema "Die Polizei im NS-Staat". Die Unterrichtsmaterialien können für die außerschulische Erwachsenenbildung genutzt werden. Die Frage, warum und unter welchen Bedingungen Menschen sich Diktaturen unterwerfen und im Extremfall bei entsprechenden Rahmenbedingungen zu Massenmördern werden bzw. sich dem Morden verweigern, ist nicht bloß für die Aus- und Fortbildung von Polizeibeamten relevant. Die historischen Fallbeispiele sollen für die allgemeine politisch-historische Bildung genutzt werden. Sie dienen jedoch auch der Aus- und Fortbildung der Polizeien des Bundes und der Länder. Die Materialien sollen die Polizeibeamten über die Geschichte ihres Berufsstands informieren. Die Beamten waren und sind grundsätzlich für ihr Handeln persönlich verantwortlich. Im Falle von strafbaren Anordnungen konnten und können sie sich nicht auf Befehl und Gehorsam berufen. Darüber hinaus bieten die Materialien eine praktische Hilfe im Umgang mit dem gegenwärtigen Rechtsextremismus.
Zeitplan
- November 2008: Projektbeginn
- Mai 2009: Symposium zur Polizeigeschichte an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster
- Oktober 2009: Publikation der Ergebnisse des Symposiums zur Polizeigeschichte
- März 2011: Eröffnung der temporären Ausstellung zur Polizei im NS-Staat im Deutschen Historischen Museum Berlin
- März 2011: Ausstrahlung der rbb-Fernsehdokumentation in der ARD über die Geschichte der Polizei im NS-Staat
- September 2011: Fertigstellung des Ausstellungsmoduls für die Polizeien der Länder und des Bundes
- Oktober 2011: Fertigstellung der multimedialen Unterrichtsmaterialien und methodisch-didaktischen Handreichungen für die außerschulische Erwachsenenbildung und die Aus- und Fortbildung der Polizei.
Materialanfrage / Bitte um Unterstützung
Das Projektteam sucht Material zur Polizei im NS-Staat, z. B. Fotos, Feldpostbriefe und Dokumente. Wenn Sie über solche Bestände verfügen, so kontaktieren Sie bitte unsere Berliner Außenstelle.
Kontakt
Ansprechpartner an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster:
Dr. Wolfgang Schulte
Telefon: +49 2501-806 418
Fax: +49 2501-806 307
E-Mail: